Gesundheit

Schlechte Zeiten für Pollen-Allergiker

ein Multimedia-Special der Augsburger Allgemeinen
von Karin Seibold

Der Klimawandel ist schuld daran, dass Heuschnupfen-Patienten heute früher, länger und stärker leiden als noch vor ein paar Jahren. Weil es im Durchschnitt immer wärmer wird, blühen manche Bäume und Sträucher schon im Winter. Andere verstreuen ihre Pollen deutlich früher als sonst.

Fast jeder dritte Deutsche leidet unter Heuschnupfen. Die Saison, mit der die Probleme der Allergiker beginnen, startet immer öfter schon im Dezember. Während in dieser Zeit mancherorts noch Schnee liegt, blühen anderswo schon die ersten Haselsträucher. Durchschnittlich drei Wochen früher als noch vor ein paar Jahren fangen sie an, ihre Pracht zu entfalten – und ihre Pollen in den Wind zu streuen, sagt Uwe Kirsche vom Deutschen Wetterdienst. Er erklärt: „Die Tendenz ist klar. Die Temperaturen steigen, und dadurch werden alle Jahreszeiten im Durchschnitt wärmer.“ Im Mittel beginnt die Blühphase der Pflanzen deshalb eine Woche früher als noch vor 50 Jahren.

Wie das Wetter sich im Verlauf der einzelnen Jahreszeiten verändert, können auch die Meteorologen nicht zuverlässig prognostizieren. Ob das Jahr für Allergiker besonders gut oder schlecht wird, ist deshalb schwer vorherzusagen. „Der Trend geht dahin, dass Allergiker das ganze Jahr über leiden, weil immer irgendetwas blüht“, sagt aber der Meteorologe Kirsche.

Viel differenzierter lässt sich das nicht voraussagen. Nur in Bezug auf Birkenpollen gibt es vorsichtige Prognosen – auf die Pollen, gegen die besonders viele Menschen allergisch sind. Die Bäume durchlaufen einen Zyklus, in dem sie in manchen Jahren besonders viel Blütenstaub produzieren. Warum das so ist, ist selbst für Biologen ein Rätsel. Aus Erfahrung lässt sich aber sagen, dass Birken vor allem in Jahren mit gerader Jahreszahl extrem viele Pollen ausschütten.

Tipps für Pollen-Allergiker

Können Allergiker im Frühling überhaupt an die frische Luft gehen?

Fuchs: Im Prinzip ja, aber viele Allergiker fühlen sich nur in klimatisierten Räumen wohl. Sie haben gelernt, dass sich die Beschwerden extrem verstärken, wenn sie draußen sind. Da läuft die Flüssigkeit wie Wasser aus Nase und Augen – und das ist richtig unangenehm. Dazu kommen Kopfschmerzen und Abgespanntheit, die viele auf Stress zurückführen. Aber in Wirklichkeit liegt das an ihrem Heuschnupfen, ihrer Allergie. Viele Menschen kennen solche Symptome seit Jahren, und haben sich immer wieder sagen lassen müssen, man könne da nichts machen. Aber das stimmt so nich

 

Was hilft Heuschnupfen-Patienten?

Fuchs: Zu viele Allergiker machen entweder garnichts – oder sie gehen in die Apotheke und holen sich selbst rezeptfreie Produkte. Und beides ist nicht optimal. Wer überhaupt nichts gegen seine Allergie unternimmt, setzt sich der Gefahr aus, dass diese noch schlimmer wird – oder dass er womöglich Asthma oder Kreuzallergien auf Nahrungsmittel entwickelt. Und die rezeptfreien Produkte in der Apotheke helfen zwar ein Stück weit, aber sie haben mehr Nebenwirkungen als Wirkung. Das liegt daran, dass diese Produkte meistens schon seit Jahrzehnten auf dem Markt, also gewissermaßen völlig veraltet sind. Die Versorgung allergiekranker Menschen in Deutschland ist mangelhaft, unter anderem weil den Patienten wirklich wirksame Medikamente zu häufig aus den verschiedensten Gründen vorenthalten werden. Die neuen, effektiven Heuschnupfen-Medikamente gibt es nur mit Rezept – und dafür muss man eben zum Arzt gehen. Auch Kortison-Sprays gehören natürlich zur Therapie. Sie lindern die Beschwerden deutlich. Wer übrigens auf die Idee kommt, sich anders zu helfen – etwa mit Bachblüten-Therapie, homöopathischen Mitteln, Amuletts, Kupferarmbändern, Bioresonanz oder ähnlichem – sollte wissen: Das hilft definitiv nicht. Es gibt keine wissenschaftlichen Untersuchungen, die darauf hinweisen, dass diese Methoden helfen.

 

Es gibt aber auch längerfristige Hilfe – die Hyposensibilisierung. Ist das zu empfehlen?

Fuchs: Die Hyposensibilisierung ist eine Art Impfung gegen die Allergie. Es gibt mehrere Methoden, zum Beispiel in Form von Tabletten oder als Spritzentherapie. Dabei wird das Allergen in zunächst ganz geringer, später in sehr hoher Dosis verabreicht, und der Körper hat die Möglichkeit, sich langsam daran zu gewöhnen. Diese allergenspezifische Immuntherapie dauert mindestens drei Jahre und hilft den Patienten im Allgemeinen sehr. Sie hilft auch zu verhindern, dass neue Allergien oder das gefürchtete Asthma entstehen. Die Therapie wird auch von den Krankenkassen bezahlt. Dennoch wird sie erstaunlicherweise viel zu selten verordnet. Das ist völlig unverständlich, besonders wenn ich an die vielen leidenden Patienten denke. Man sollte solch eine Therapie aber nicht jetzt, sondern außerhalb der problematischen Blütezeit beginnen – also meist im Herbst.

 

Gibt es auch praktische Tipps für Allergiker, um den Alltag besser zu bewältigen?

Fuchs: Alles, was den Kontakt mit allergieauslösenden Stoffen verringert, ist gut. Weil morgens und abends der Pollenflug am stärksten ist, ist es gut, zu lüften wenn es draußen regnet. Man sollte sich abends vor dem Schlafengehen die Haare waschen. Nasenspülungen lindern oft die Schwellung der Schleimhäute. Wer seine Wäsche aufhängt, sollte das am Besten im Inneren des Hauses tun. Wer stark unter Heuschnupfen leidet, sollte auf Rotwein, Bier oder gereiften Käse verzichten. Denn diese Lebensmittel enthalten Histamin – und können womöglich die Beschwerden verstärken.

 

Prof. Dr. Thomas Fuchs ist Vorstandsmitglied des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen und Leitender Oberarzt an der Universitätsmedizin in Göttingen.

Das Immunsystem

Der Blumenduft bringt Frühlingsgefühle, doch bei Heuschnupfen-Geplagten löst er noch ganz andere körperliche Reaktionen aus. Wenn die Allergene aus den Pollen freigesetzt werden und an die Schleimhäute in Nase und Mund andocken, schaltet bei Betroffenen das Immunsystem auf Alarm.

Der Körper hält die „Eindringlinge“ für gefährliche Stoffe - und versucht, sie abzuwehren. Er bildet Antikörper, die sich speziell gegen das Allergen richten - das sogenannte Immunglobulin E. Einmal sensibilisiert reagiert der Körper immer wieder, sobald die allergieauslösenden Substanzen auf ihn treffen, erklärt Prof. Claudia Traidl-Hoffmann, Chefärztin der Umweltmedizin am Klinikum Augsburg und Direktorin des Instituts für Umweltmedizin der TU-München. Außerdem regt das Immunsystem die Schleim-Bildung an: Niesen, Schnäuzen und verheulte Augen sind die Folge. So versucht der Körper, die vermeintlich gefährlichen Stoffe wieder abzustoßen.

Weil sich Eiweiße - die Allergene - in verwandten Pflanzen strukturell ähneln entstehen sogenannte Kreuzallergien. Das bedeutet, dass der Körper nicht nur auf Pollen reagiert sondern auf Früchte oder Gemüse, in denen ähnliche Eiweiße enthalten sind. Viele Heuschnupfen-Patienten sind von solchen Kreuzallergien betroffen. Gefährlich werden können dabei Obst, Gemüse, Nüsse, Getreide oder Gewürze. Die Problemquellen für Allergiker vervielfältigen sich so. Hinzu kommt, dass Pollen neben dem Allergen auch weitere entzündungsfördernde Substanzen freisetzten, die das Immunsystem aktivieren und sehr wahrscheinlich während des starken Pollenfluges für Symptome auch bei Nicht-Allergikern verantwortlich sind.

Wer länger an Heuschnupfen leidet, hat zudem ein erhöhtes Risiko, an Asthma zu erkranken. Vor allem Kinder sind gefährdet. Weil die ständige Reizung der Schleimhäute chronisch werden kann, sollten Allergien in jedem Fall von einem Arzt behandelt werden.

Der britische Arzt John Bostock beschrieb 1819 in London vor der Royal Medical Society seinen "Sommerkatarrh", die den populären Namen "Heufieber" bekam. Anfangs gingen die Ärzte davon aus, dass der Schnupfen durch die Heuernte ausgelöst wurde. Doch das ist nur zum Teil richtig. Denn, auf Heu reagiert kaum jemand allergisch. Das Problem sind vor allem die Pollen von Gräsern, Sträuchern und Bäumen:

Hasel
Haseln sind Bäume oder Sträucher der Gattung Birkengewächse, die im Winter ihr Laub abwerfen. Sie werden bis zu 15 Meter hoch. Im Februar und März ist die Belastung für Allergiker durch ihre Pollen am stärksten. Doch schon im Dezember beginnt laut Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst in manchen Jahren der Pollenflug – und damit das Niesen und Schneuzen der Heuschnupfen-Geplagten.
 
Erle
Die Erle gehört, wie die Hasel, der Gattung der Birkengewächse an. Bei uns sind vor allem drei Arten heimisch: Die Grün-, die Grau- und die Schwarzerle. Ihre Pollen können starke Allergien auslösen. Hauptblütezeit ist der März, mäßige Belastungen können aber schon ab Dezember auftreten und bis Ende Juni dauern.

Esche
Der April ist die Blütezeit der Esche. Bis zu vierzig Meter hoch werden die Bäume – sie zählen damit zu den höchsten in Europa. Während ihr Holz zu den Edellaubhölzern gezählt wird und großen Nutzen bringt, sind ihre Pollen für Allergiker eine Quelle großen Leides.

Birke
Die Allergie gegen Birkenpollen zählt zu den am weitesten verbreiteten Arten des Heuschnupfens. Wie Hasel und Erle ist die Birke ein Frühblüher – und ihre Pollen sind besonders aggressiv. Von Februar bis Juni dauert ihre Saison, der April gilt als Höchstphase. Birken blühen in Jahren mit gerader Jahreszahl stärker als in anderen Jahren.
 
Süßgräser
Etwa 8000 Arten zählen zur Pflanzenfamilie der Süßgräser. Der Pollen der Süßgräser ist dreikernig und kann bei Allergikern starke Reaktionen auslösen. Die Blütezeit der Gräser ist vor allem von Mai bis Juli, kann in manchen Jahren aber schon im März beginnen und erst im November enden.

Roggen
Die Getreideart aus der Familie der Süßgräser erreicht im Juni die Höchstphase der Blüte. Sie kann aber von April bis September für Beschwerden sorgen. Das Korn des Roggens wird als Futtermittel oder zur Zubereitung von Nahrung verwendet. Auch das Stroh findet seine Aufgabe beispielsweise in der Tierversorgung. Allergiker haben davon wenig – sie leiden unter Heuschnupfen.

Beifuß
Beifuß ist eine beliebte Kräuterart, die gerne auch als Gewürz oder Gemüse verwendet wird. Für Allergiker kann sie aber gefährlich werden – die Kräuterpollen sind für sie einer der aggressivsten Auslöser. Beifuß blüht vor allem Ende Juli und im August.

Ambrosia
Ambrosia, das sogenannte Traubenkraut, wird zwischen 60 und 120 Zentimeter hoch. Seine Hauptblütezeit ist im August. Vor allem in den letzten Jahren verbreitet es sich in Europa immer weiter – und wird so für Allergiker zunehmend zum Problem.

Text: Karin Seibold
Foto: fotolia